Der Fluch des Lykanerkönigs | Kostenlose Vorschau

Der Fluch des Lykanerkönigs

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Kapitel 1 — Die Abfuhr

Ich hätte es wissen müssen.
In dem Moment, als Dylan auf diese Bühne trat, die Krawatte offen und die Lippen zu einer schmalen Linie gepresst, hätte ich wissen müssen, dass etwas nicht stimmt. Mit Dylan stimmte immer irgendetwas nicht, ich wollte es nur nicht sehen.
Die Gäste murmelten. Mein Herz schlug mir bis in die Ohren. Ich holte zitternd Luft und trat in meinem elfenbeinfarbenen Kleid vor, den Schleier fest in einer Hand. Mein Lächeln geriet ins Wanken.
Er warf mir nicht einmal einen Blick zu.
„Dylan?“ flüsterte ich.
Stattdessen wandte er sich der Menge zu, den Kiefer verkrampft. „Ich—ich kann das nicht.“
Stille. Reine, erstickende Stille. Dann—
„Was?“ würgte ich hervor; das Wort verließ kaum meine Kehle.
„Es tut mir leid“, sagte er, als hätte das irgendetwas ändern würde. „Aber ich werde Quinn nicht heiraten.“
Ein entsetztes Raunen breitete durch den Saal des Rudelhauses aus.
Mein Brustkorb sackte in sich zusammen.
„Meine Gefährtin liegt im Krankenhaus“, sagte er jetzt lauter, damit es jeder hörte. „Sie trägt mein Kind. Und sie ist in Gefahr.“
Der ganze Raum schien sich zu drehen. Mein Körper wurde zu Eis.
Gefährtin?
Schwanger?
Meine Füße bewegten sich wie von selbst. „Dylan, was redest du da?“ Meine Stimme brach, bebte.
„Ich kann sie nicht sterben lassen, während ich hier stehe und so tue, als liebte ich jemanden, den ich nicht liebe.“ Endlich trafen seine Augen meine – hart und kalt. „Ich habe dich nie geliebt, Quinn.“
Der Schmerz traf mich wie eine Ohrfeige. Ich wich einen Schritt zurück. Meine Wölfin heulte in meinem Kopf.
Er machte weiter. „Ich musste meinem Vater beweisen, dass ich verantwortungsvoll bin. Dass ich mich binden kann. Deshalb habe ich dir einen Antrag gemacht. Deshalb habe ich mitgespielt.“
Mitgespielt?
Ich lachte. Scharf und hohl. „Du hast mich ausgenutzt.“
„Ich hatte keine Wahl“, fauchte er. „Glaubst du, mein Vater hätte mir den Thron des Alphas überlassen, wenn ich mich nicht mit der perfekten, gehorsamen Wölfin bewiesen hätte? Du warst… ein Mittel zum Zweck.“
Ich ballte die Fäuste. „Sag das noch mal.“
Aber er wandte mir den Rücken zu.
Das war’s. Keine Erklärung. Keine Reue.
Einfach nur eiskalter Verrat.
Irgendwer weinte in der Menge. Ich wusste nicht, ob es meine Tante war, meine Cousine – oder ich selbst. Mein Hals brannte wie Feuer. Ich bekam keine Luft.
Meine Mutter stand am anderen Ende des Raums, die Arme verschränkt, mit ausdruckslosem Gesicht.
Natürlich war sie nicht überrascht.
Natürlich wusste sie es.
Sie wusste immer alles vor mir.
Ich wandte mich ihr zu, und zum ersten Mal sah ich, was sie wirklich von mir hielt. Kein Mitleid. Keine Sorge. Nur Abscheu.
„Mach keine Szene“, formten ihre Lippen langsam.
Keine Szene?
Ich stürmte den Gang hinunter, riss mir den Schleier vom Kopf und warf ihn zu Boden. Mein Vater mied meinen Blick, wie er es immer tut, wenn es brenzlig wird. Feigling.
Draußen heulte der Wind. Meine Hände bebten, während ich mir die High Heels von den Füßen streifte. Mir war egal, dass ich barfuß auf dem Kiesweg stand. Mir war egal, dass ich noch im Hochzeitskleid trug.
Ich brauchte Antworten.
Ich brauchte einen Namen.
Ich musste wissen, für wen Dylan alles aufgegeben hatte.
Also rannte ich.
Das Krankenhaus roch nach Chlor und Verrat. Ich stürmte zur Schwesternstation, die Stimme klang hart wie Stahl. „Ich muss wissen, wer gerade wegen einer Schwangerschaft eingeliefert wurde. Kritischer Fall. Der Vater heißt Dylan Reid.“
Die Krankenschwester blinzelte. „Das dürfen wir nicht—“
„Ich bin seine Verlobte. Oder… war es“, stieß ich hervor. „Sagen Sie mir, wo sie ist.“
Die Schwester zögerte, dann deutete sie. „Zimmer 213. Die Notfallstation der Geburtshilfe.“
Ich bedankte mich nicht. Ich bremste nicht.
Ich stürmte wie ein Orkan durch die Tür.
Und da lag sie.
Cassandra.
Meine beste Freundin.
Im Krankenhausbett, von Kissen gestützt, bleich und schön, lag das Mädchen, mit dem ich aufgewachsen war. Das Mädchen, das in der Oberschule mit mir gelacht, Geheimnisse geteilt, mir die Nägel lackiert hatte – und mir erzählt hatte, Dylan sei „nur ihr Cousin“, als sie sich vor zwei Jahren kennenlernten.
Sie sah erschrocken aus, als sie mich sah. Aber nicht schuldig.
„Quinn…“
Ich lachte bitter. „Du?“
Sie blinzelte, als wolle sie verwirrt wirken. „W–was willst du—“
Ich marschierte ans Bett. „Spar dir den Mist. Du trägst Dylans Baby?“
Ihre Hände legten sich auf ihren Bauch. Schutzend. Besitzergreifend.
Als hätte sie irgendein Recht.
„Er sagte, du würdest mich hassen“, flüsterte sie.
„Dich hassen?“ zischte ich. „Du saßt in meinem Haus. Hast mit meiner Familie gegessen. Meine Verlobungsfeier geplant. Und währenddessen hast du mit dem Mann geschlafen, den ich hätte heiraten sollen?“
„Er gehörte dir nie, Quinn, du warst nur ein Platzhalter auf Zeit“, sagte sie in unverhohlen spöttischem Ton.
„Ach, und das macht es jetzt okay?“ Ich stieß ein hartes Lachen aus.
Die Tür öffnete sich hinter mir, und Dylan trat herein, außer Atem, verschwitzt, als wäre er gerade einen Marathon gelaufen.
Seine Augen weiteten sich, als er mich sah.
„Du“, sagte ich leise. „Hast mir erzählt, sie sei deine Cousine.“
Er antwortete nicht.
„Sie ist schwanger“, fuhr ich fort, lauter werdend. „Mit deinem Kind. Und du hast sie mir als deine verdammte Cousine vorgestellt.“
„Quinn, ich—“
Ich verpasste ihm eine kräftige Ohrfeige.
Der Knall hallte im Zimmer nach.
Cassandra schnappte nach Luft. Dylan taumelte zurück, aber ich war noch nicht fertig.
„Du hast mich vor dem ganzen Rudel gedemütigt“, fauchte ich. „Du hast gelogen. Du hast mich ausgenutzt. Wofür? Um Papas Anerkennungzu bekommen?“
Er sah beschämt aus, aber längst nicht genug.
„Ich hätte es wissen müssen. Du warst immer ein Feigling.“
„Sprich nicht so mit ihm“, sagte Cassandra mit gerunzelter Stirn.
Ich wandte mich zu ihr. „Halt den Mund. Du bist nicht in der Position, ihn zu verteidigen.“
„Bitte geh“, sagte Dylan leise. „Es geht ihr nicht gut.“
„Ist mir scheißegal.“ Ich trat näher. „Du hättest mir die Wahrheit sagen können. Du hättest es wie ein Mann beenden können. Stattdessen hast du bis zu unserem Hochzeitstag gewartet, um mich wie Müll wegzuwerfen.“
„Du warst schon immer Dreck“, sagte er, die Stimme ansteigend.
„Ich habe dir Leute gegeben, auf die du dich verlassen kannst, wenn keiner mit einer verfluchten und schwachen Omega wie dir spielen will, also sei dafür gefälligst dankbar“, sagte er voller Verachtung.
„Ich war also nur ein Werkzeug, um zu bekommen, was du wolltest.“
Er bestritt es nicht.
Meine Augen brannten vor ungeweinten Tränen, aber ich ließ sie nicht fallen.
„Für mich seid ihr tot, ihr beide.“
Ich wandte mich zum Gehen, hielt dann inne. „Ach, und Dylan? Du solltest besser beten, dass dein Vater nie die Wahrheit erfährt. Denn ich werde dafür sorgen, dass er es tut.“
„Zu dumm, sein Vater ist heute Morgen gestorben, und deshalb wurde eure Verlobung gelöst“, sagte Cassandra, ein spöttisches Grinsen auf den Lippen.
Mir wich die Farbe aus dem Gesicht.
Auf dem Weg hinaus ließ ich die Tür krachen.
Es regnet jetzt. Natürlich tut es das.
Ich stand auf dem Bürgersteig, das Hochzeitskleid durchnässt, die Mascara verlaufen. Die Leute starrten. Es war mir egal.
Mein Handy klingelte. Meine Mutter.
Ich lehnte den Anruf ab.
Es klingelte wieder.
Ich ging ran.
„Was?“ fauchte ich.
„Du hast dich zur Schau gestellt“, sagte sie kalt. „Das wird uns ewig nachhängen.“
„Ist mir egal“, spie ich. „Ich bin mit dem Theater durch.“
„Ich habe dich vor Dylan gewarnt. Du hast nicht zugehört.“
„Du hast mich nicht gewarnt. Du hast mich nur so sehr gehasst, dass du wolltest, ich solle scheitern.“
Sie schwieg.
Ich sprach weiter, die Stimme zitternd. „Du hast mich nie geliebt. Du hast mich bloß ertragen, weil es dich vor dem Rudel gut aussehen ließ.“
„Du übertreibst.“
„Nein. Ich sehe endlich klar.“
Ich legte auf und warf das Handy in eine Pfütze.
Soll es ersaufen wie das Vertrauen, das ich einst in alle um mich herum gesetzt hatte.
Ich ging nicht nach Hause. Ich lief stundenlang, barfuß, frierend und voller Zorn. Am Ende landete ich auf dem alten Trainingsfeld, in das Dylan und ich uns als Jüngere immer gerne heimlich dort eingeschlichen hatten. Das Tor ächzte, als ich es aufstieß.
Ich stieß einen Schrei aus.
Einen langen, rohen, animalischen Schrei, der mir aus der Kehle riss, als risse man eine Wunde auf.
Dann verwandelte ich mich.

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Kapitel 2 — Der Fremde

Der Wind peitschte mir ins Gesicht, während ich durch den Wald hetzte, die Pfoten hämmerten auf dem nassen Boden. Mir war egal, wohin ich lief – ich musste nur rennen, weg von dieser Last auf meiner Brust, die mir den Atem raubte.
Unter den Pfoten knackten Zweige. Bäume wurden zu Schlieren. Meine Wölfin hielt nicht an. Erst, als der Schmerz zu einem dumpfen Pochen verblasste und selbst sie es leid war, wütend zu sein.
Als ich mich schließlich zurückverwandelte, war meine Haut feucht von Regen und Schweiß. Mein Haar klebte mir im Gesicht, und ich war irgendwo tief am nördlichen Rand von Graybridge – weit weg vom Rudel, weit weg von Zuhause, falls ich diesen Ort überhaupt noch Heimat nennen konnte.
Ich hatte nicht vor, zurückzugehen. Nicht heute Nacht. Vielleicht nie wieder.
In der Ferne flackerte Neon – Blue Moon Tavern. Wie passend.
Ich lief barfuß darauf zu, der Schlamm klebte an meinen Füßen, und ich trug noch die zerfetzten Reste des Unterkleids unter dem Brautkleid. Ein paar Leute draußen fuhren zusammen, aber ich blieb nicht stehen. Ich stieß die Tür auf, und mir schlugen laute Musik, abgestandener Rauch und das Klingen von Gläsern entgegen.
Der Barkeeper blinzelte, als ich näherkam.
„Alles in Ordnung?“, fragte er und musterte mein zerrissenes Kleid und die verfilzten Haare.
„Ich brauche was zu trinken“, krächzte ich. „Etwas Starkes.“
Er schenkte wortlos ein. Ich kippte den ersten runter, dann den zweiten und noch drei hinterher. Das Brennen störte mich nicht. Ich wollte es.
Ich wollte vergessen.
„Harte Nacht?“, fragte der Barkeeper nach einer Weile.
Ich knallte das sechste Shotglas hin. „Sie haben keine Ahnung.“
„Vielleicht wäre ein Bett besser als die Theke.“
„Vielleicht“, murmelte ich und schwankte leicht. „Vermieten Sie Zimmer?“
„Oben. Wir haben ein paar für Durchreisende.“
„Ich nehme eins.“
Er reichte mir einen Schlüssel. „Zimmer zwölf. Den Flur entlang, die zweite links, an der Treppe vorbei.“
„Schon gut.“ Ich nickte … oder versuchte es.
Ich schnappte mir den Schlüssel, rutschte vom Hocker wie ein frisch geborenes Rehkitz und wankte in Richtung Flur. Die Nummer war sofort wieder weg.
War es zehn? Oder zwanzig? Nein – zwölf.
Ich kniff die Augen zusammen und starrte auf die Zahlen an den Türen, die mir vor den Augen tanzten. Ich blieb vor einer stehen, die irgendwie richtig aussah. 210? 201? 120? Egal.
Der Schlüssel passte.
Ich drehte ihn um und stolperte hinein.
Gedämpftes Licht. Ein warmer Duft nach Zeder und etwas Würzigem.
Ich gähnte, ließ meine Tasche fallen, und das Kleid rutschte mir von der Schulter.
Da ging die Badezimmertür auf.
„Was zum Teufel?“, grollte eine tiefe Stimme.
Ich erstarrte, mein Herz machte einen Satz.
Ein Mann trat heraus, das Handtuch tief auf den Hüften, nasses Haar, Wasser perlte über seinen Bauch wie ein langsamer Flirt der Göttin selbst.
Er starrte mich an, fassungslos. „Wer bist du?“
Ich blinzelte. „Das ist mein Zimmer.“
„Nein. Ist es nicht.“
Ich sah auf den Schlüssel in meiner Hand und runzelte die Stirn. „Zimmer zwölf?“
Er hob eine Braue. „Das hier ist einundzwanzig.“
Scheiße.
„Oh“, murmelte ich. „Mein Fehler.“
Er kam auf mich zu, noch tropfnass, noch im Handtuch, und einfach nur – warum sah er so aus? Der Körper eines Kriegers, aber das Gesicht eines Mannes, der jemanden ohne ein Wort zugrunde richten konnte.
„Ich gehe schon“, sagte ich hastig und wollte zurückweichen.
Dabei trat ich auf den Saum meines Kleids und rutschte aus.
„Whoa—!“
Er fing mich auf, bevor ich den Boden küsste, ein starker Arm um meine Taille.
Und im selben Moment verschob sich alles.
Unsere Blicke trafen sich.
Da war es. Dieser verfluchte elektrische Schlag. Als hätte das Universum mir ruckartig an der Wirbelsäule gezogen.
Meine Hände lagen auf seiner Brust. Seine Haut war heiß. Mir schwindelte – aber nicht mehr vom Alkohol.
„Nicht“, flüsterte ich.
„Was nicht?“, murmelte er, die Stimme tief und ruhig.
Ich hätte mich lösen sollen.
Ich hätte gehen sollen.
Tat ich aber nicht.
Stattdessen lehnte ich mich vor und küsste ihn.
Hart. Verzweifelt.
Er fror für einen halben Herzschlag ein, dann packte er meine Taille und küsste zurück – tiefer, rauer, als hätte auch er auf etwas gewartet, das ihn endlich aufbrechen ließ.
Mein Kleid glitt zu Boden.
Sein Handtuch fiel.
Kein Name, kein Versprechen, keine Zukunft. Nur Atem und Haut und Schmerz und Bedürfnis.
Er drückte mich an die Wand, seine Lippen strichen an meinem Kiefer entlang. „Wie heißt du?“
Ich schloss die Augen. „Spielt das eine Rolle?“
Er hielt inne. Dann: „Nein. Nicht heute Nacht.“
Mehr brauchte es nicht.
Er hob mich mühelos hoch, legte mich aufs Bett und küsste jeden zerbrochenen Teil von mir, als ließe er sich mit Mund, Zunge und Feuer wieder zusammennähen.
Es war nicht sanft. Es war nicht süß.
Es war roh.
Und irgendwo zwischen Keuchen und zerwühlten Laken gab ich etwas her, das ich noch nie jemandem gegeben hatte – meinen Körper, mein Herz, mein erstes Mal.
Meine Jungfräulichkeit.
An einen Fremden.
Und ich bereute es nicht.
Keine Sekunde.
Ich wachte auf, als Sonnenlicht schräg durchs Fenster fiel und das Gewicht eines Arms über meiner Hüfte lag.
Einen Moment lang vergaß ich, wo ich war.
Dann drehte ich mich um und sah ihn.
Gott, im Licht war er noch schöner.
Sein Gesicht war entspannt, die dunklen dichten Wimpern warfen Schatten auf die Wangenknochen, der Kiefer rau vor Stoppeln. Er wirkte friedlich. Unantastbar.
Vorsichtig glitt ich aus dem Bett, hob mein Kleid vom Boden auf und verzog das Gesicht über den Schmerz zwischen meinen Schenkeln.
Die Nacht kam bruchstückhaft zurück – Alkohol, Hitze, Haut, seine Stimme, die mir etwas Unverständliches ins Ohr flüsterte, als ich auf ihm fallen ließ.
Ich hatte nicht einmal nach seinem Namen gefragt.
Und ich wollte ihn immer noch nicht wissen.
Noch nicht.
Ich brauchte die Illusion – dass ich wenigstens etwas Rücksichtsloses nur für mich getan hatte. Dass ich Zumindest keine Marionette war.
Ich schrieb hastig auf einen Notizzettel des Hotels:
„Danke für die Rettung. Keine Reue. – Q.“
Ich legte sie auf den Nachttisch und schlüpfte leise hinaus.
Ich sah nicht einmal zurück.
Draußen erwachte die Stadt. Ich stand an der Straßenecke und wusste nicht, wohin. Kein Zuhause, zu dem ich zurückkehren konnte. Kein Rudel, zu dem ich gehörte.
Aber zum ersten Mal seit Jahren fühlte ich etwas, das fast frei war.
Es tat noch weh. Ich war noch wütend. Es brannte noch.
Aber frei.
Mein Handy summte. Ich hatte vergessen, dass ich es noch bei mir hatte.
Anzeige: „Mama“.

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Kapitel 3 — Die Jagd

Ich starrte auf das Display, als schulde es mir endlich eine verdammte Erklärung.
Anrufer-ID: Mama.
Natürlich.
Kaum nahm ich ab, hätte ihr Schrei mir beinahe das Trommelfell zerfetzt.
„Wo zur Hölle steckst du, Quinn? Glaubst du, das ist ein Spiel? Komm sofort zurück!“
Ich hielt das Handy vom Gesicht weg und blinzelte in den Himmel. Immer noch grau. Immer noch elend. Ich stieß die Luft durch die Nase aus und versuchte, weder eine Wand zu schlagen noch gleich in Flammen aufzugehen.
„Ich bin ja schon unterwegs“, murmelte ich und legte auf, bevor sie die nächste Beleidigung ausspucken konnte.
Ich hätte das Handy am besten in den Verkehr schleudern sollen.
Ich lief den Rest des Weges nach Hause. Niemand hielt mich auf. Niemanden kümmerte es. Die Blicke, die ich bekam? Reines Mitleid. Dasselbe Mitleid, das ich hasste, als Dylan mich abservierte, dasselbe, auf das ich spuckte, als ich barfuß und zerbrochen weglief.
Aber jetzt? Ich fühlte mich nicht mehr zerbrochen. In mir war etwas glatt gerissen, wie die letzte Kette, die sich von meinen Rippen löste. Es tat noch weh, aber ich konnte endlich atmen.
Als das Anwesen der Arledges in Sicht kam, blieb ich am Tor stehen und starrte hinauf, als wäre es das Haus eines Fremden. Im Grunde hatte es sich immer so angefühlt.
Meine Hand umklammerte den eiskalten Türgriff, und just in dem Moment, bevor ich aufstieß, erstarrte ich.
„…der Abgesandte des verfluchten Lykanerkönigs wird in Kürze hier sein“, drang die Stimme meines Vaters aus dem offenen Wohnzimmerfenster.
Ich fror ein. Mir drehte sich der Magen um.
„Sie hat noch Glück“, fügte Mutter hinzu. „Nach der Demütigung ist das wohl das Mindeste, was sie tun kann.“
„Verkauft“, flüsterte ich zu mir selbst. „Die verkaufen mich, als wäre ich … Vieh.“
Meine Nägel bohrten sich tief in die Tür.
„Ist das euer verdammter Ernst?“ brüllte ich, als ich hineinplatzte, und warf die Tür hinter mir zu.
Vater drehte sich um, blinzelte kaum. „Pass auf deinen Ton auf, Mädchen.“
Ich marschierte hinein. „Sag mir, dass das, was ich gerade gehört habe, nicht wahr ist.“
„Es stimmt. Du gehst heute. Die Königswache trifft gleich ein“, sagte er, als läse er den Wetterbericht vor.
Mein Herz zog sich zusammen.
„Ihr verkauft mich an den verfluchten Lykanerkönig? Den Mörder? Den, dessen Blutspur länger ist als sein Schatten?“
„Es ist eine Ehre—“
„Es ist ein Todesurteil!“ fauchte ich. „Und ihr habt nicht mal gefragt? Euch ist nicht mal in den Sinn—“
Ein Aufflammen. Ein Knall. Mein Gesicht wurde zur Seite gerissen, als seine Handfläche hart auf meine Wange krachte.
Ich schnappte nach Luft und schmeckte Eisen.
„Sei dankbar“, knurrte er. „Du hast diese Familie schon genug blamiert.“
Ich starrte ihn vielleicht eine halbe Sekunde fassungslos an. Dann lachte ich. Lachte so heftig, dass ich meinte, zu ersticken.
„Ihr meint, nachdem euer perfekter Deal mit Dylan geplatzt ist? Darum geht’s doch, oder? Euer Gesicht wahren?“
„Sprich nur, wenn du gefragt wirst“, unterbrach mich meine Mutter kühl.
„Ihr hasst mich so sehr, dass ihr mich einem Biest vorwerft“, zischte ich.
„Wenn du es nicht mal geschafft hättest, einen Mann zu halten—“
Ich stürzte vor, doch einer der Wachen stellte sich dazwischen. „Zurück.“
Da erst bemerkte ich die drei Männer am Flur—Rudelwächter, die ich seit Jahren nicht gesehen hatte. Muskelpakete, an den Armen blitzte Silber, kampfbereit.
„Ihr macht das wirklich“, hauchte ich. „Ihr gebt mich weg wie einen Sack Kartoffeln?“
Meine Mutter verengte die Augen. „Es ist beschlossen. Akzeptier es.“
„Nein.“ Ich wirbelte herum und schoss zur Tür.
Bevor ich sie erreichte, rissen kalte Finger an meinem Handgelenk. Mutters Griff war hart wie Stahl.
„Du gehst nirgendwohin.“
Ich riss mich, wand mich, versuchte sie abzuschütteln. Doch sie drängte mich zur Treppe, und die Wachen nahmen mich in die Zange.
„Fasst mich nicht an!“ kreischte ich.
„Bringt sie in ihr Zimmer!“ brüllte Vater. „Sofort!“
Einer der Wächter hob mich hoch, als wöge ich nichts, und schob mich die Treppe hinauf, während ich trat, schlug und schrie.
„Das ist illegal! Ich bin kein verdammtes Spielzeug! Ich bin nicht—“
Sie stießen mich in mein Zimmer und knallten die Tür hinter mir zu. Ein Schlüssel drehte sich. Dann der Riegel.
Eingesperrt.
Wie immer.
Ich brüllte, ein tiefes Knurren riss mir aus der Brust, als ich gegen die Wand schlug. Meine Hand tat weh. Egal. Ich packte die Kommode und warf sie gegen die Tür. Als ob das jemanden aufhalten würde.
Mein Atem ging stoßweise. Mein Puls raste. Meine Wölfin kratzte an der Oberfläche, so wütend wie ich.
Sie wollten mich wirklich wie eine hübsch verpackte Opfergabe an den verfluchten König schicken. Und niemand würde kommen, um mich zu retten.
Schön.
Dann rette ich mich selbst.
Das Fenster. Ich rannte hin und riss es auf. Wind heulte herein, kalt und scharf. Die Äste des Baums neben meinem Zimmer waren dünner, als ich sie in Erinnerung hatte. Aber sie waren da.
Und ich hatte nichts zu verlieren.
Ich kletterte auf die Fensterbank und blickte in die Tiefe.
Dann sprang ich.
Der Wind riss mir den Atem weg, als ich den ersten Ast erwischte, abprallte, mir den Arm aufschürfte und schließlich unsanft in einem Haufen Blätter landete.
Stöhnend rappelte ich mich auf.
„LOS!“ zischte ich mir zu, während meine Füße den Boden hämmerten und ich vom Haus weg sprintete.
Weit kam ich nicht.
Nur zwei Häuserblocks den Privatweg hinunter, der zu den uralten Wäldern führte, quietschte ein schwarzer SUV vor mir zum Stehen.
Vier Männer in dunklem Leder stiegen aus. Werwölfe. Kein Zweifel.
Einer sog die Luft ein, warf einen Blick auf das Foto in seiner Hand und grinste. „Sie ist es.“
Ich machte auf dem Absatz kehrt und rannte.
Hinter mir ein weiterer SUV. Sie hatten beide Ausfahrten blockiert, aber ich grinste wahnsinnig: „Das ist mein Revier, Schlampe.“
Einer von ihnen verwandelte sich noch in der Luft. Fell schoss hervor, Knochen knackten, und eine massige graue Bestie landete auf allen Vieren, knurrend.
Ich riss in den Wald hinein. Meine Beine brannten. Mein Herz? Wie ein Gewitter.
Äste peitschten mir ins Gesicht. Mein Fuß blieb an einer Wurzel hängen. Ich stolperte, stürzte, überschlug mich und kam wieder hoch.
Hinter mir hörte ich sie brüllen. Einer brach durch den Wald und sprang auf mich zu.
Ich duckte mich im letzten Moment. Seine Krallen verfehlten meinen Rücken um Haaresbreite.
Ich wirbelte herum und schrie: „BLEIBT MIR VOM LEIB!“
Er fletschte die Zähne. „Wir wollen dir nicht wehtun, aber wenn du weiterkämpfst, kann ich für nichts garantieren.“
Ein anderer sprang, diesmal in Menschengestalt. Er packte mich an der Taille, doch ich rammte ihm hart den Ellbogen in die Rippen. Er grunzte und ließ los, und ich schoss wieder los.
Direkt auf den alten Bach zu.
Ich sprang darüber, rutschte beinahe auf dem bemoosten Fels aus und rannte weiter, bis mir die Lungen brannten.
Eine Hand packte meinen Knöchel.
Ich krachte nach vorn, die Luft blieb mir weg.
Er drehte mich auf den Rücken und drückte mich zu Boden.
„Du bist fertig mit Rennen“, sagte er.
Ich schrie. Biss in sein Handgelenk. Trittete um mich. Er knurrte und verwandelte sich, während er mich noch hielt, die Schnauze schnappte in Richtung meines Gesichts.
Da durchschnitt eine andere Stimme das Chaos.
„Lass sie los.“
Der Mann erstarrte.
Hinter ihm tauchte sich ein Schatten auf. Einer der Wächter, der bisher geschwiegen hatte, trat vor, dunkle Augen fest auf mich gerichtet.
„Sie gehört jetzt dem König. Du verpasst ihr keine Prügel, bevor sie überhaupt dort ankommt“, sagte er ruhig.
„Ich habe nur Befehle befolgt—“
„Dann befolge sie besser.“
Der, der mich festhielt, zögerte, ließ mich dann langsam los und wich zurück.
Ich lag da und rang nach Luft, Blut auf der Lippe, aufgeschürfte Knie, Herzrasen.
„Wir nehmen dich jetzt mit“, sagte der Ruhige und streckte die Hand aus.
Ich ergriff sie nicht.
„Ihr müsst mich schon schleifen“, sagte ich.
Er verzog leicht den Mund. „Dann tue ich das.“
Er trat vor.
Aber ich war schneller.
Ich riss den Dolch aus meinem Stiefel—den, den ich vor Monaten dort für Notfälle versteckt hatte—und rammte ihn in seinen Oberschenkel.
Er brüllte vor Schmerz.
Ich sprang zurück und rannte in den dichtesten Teil des Waldes, Zweige rissen mir die Haut auf, meine Haare wehten hinter mir her.
Sie schrien, jagten mich wieder, aber es war mir egal. Ich würde nicht anhalten.
Nicht jetzt. Nie wieder.
Ich wusste nicht, wohin ich rannte.
Aber ich wusste, wovor ich davonlief.
Und das reichte.

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