Untot

Man sagt, Vampire werden nicht geboren, sie werden verwandelt. Aber was passiert, wenn sie unter unnatürlichen Umständen geboren wird und externe Mächte sich danach sehnen, sie zu vernichten? Was wird es brauchen, um sie zu beschützen, und wie überwindet sie, wenn sie nicht einmal weiß...

Kapitel 1 Der Traum

Odessa lag neben Vincent, die Augen weit geöffnet, und starrte an die kunstvolle Decke ihrer bescheidenen Kammer. Es war wieder passiert.

Sie bewegte sich, das Rascheln der Seidenlaken weckte Vincent. Er murmelte, ein leises, verschlafenes Geräusch, und drehte sich zu ihr um, sein Arm streckte sich instinktiv aus, um sie näher an sich zu ziehen.

„Der Traum“, flüsterte sie. „Wieder.“

Vincents Augen öffneten sich langsam. „Derselbe?“ fragte er, seine Stimme ein leises Grollen. Er wusste es. Es wiederholte sich seit Wochen, eine stille, beunruhigende Präsenz in ihren Nächten. Er streichelte sanft ihren Arm. „Fühlst du dich unwohl, meine Liebe? Vielleicht Fieber?“

Odessa drückte ihre Handfläche an ihre Stirn. Ihre Haut fühlte sich normal an, kühl wie immer. „Nein, nicht krank. Ich fühle mich… anders. Es ist mein Blutdurst, Vincent. Er hat sich… verschoben.“

Er stützte sich auf einen Ellbogen, sein Blick schärfte sich, er musterte sie. Er streckte die Hand aus, seine langen Finger fuhren sanft über die Linie ihres Wangenknochens. Seine Stirn runzelte sich. „Deine Haut, Odessa“, bemerkte er, seine Stimme von Besorgnis erfüllt. „Sie ist… blasser. Noch blasser als sonst.“

Es stimmte. Selbst für ein Geschöpf der Nacht, dessen Teint von Natur aus heller war als der jedes Menschen, hatte ihrer in den letzten Tagen eine fast durchscheinende Qualität angenommen.

„Wir müssen einen Arzt aufsuchen“, sagte Odessa und schwang ihre Beine vom Bett, eine plötzliche Dringlichkeit trieb sie an.

Vincent erhob sich ebenfalls, eine Hand auf ihrer Schulter, ihre Bewegungen beruhigend. Sein Griff war fest, seine Augen ernst. „Nein“, sagte er, seine Stimme leise, aber entschlossen. „Keinen Arzt in diesem Reich.“

Odessa drehte sich um, Verwirrung zeichnete sich auf ihren Zügen ab. „Warum denn nicht? Lord Belials Heiler sind berühmt. Wenn jemand das diagnostizieren kann…“

„Genau“, unterbrach Vincent, sein Blick schweifte über ihre bescheidene Kammer. „Angenommen, sie diagnostizieren bei dir etwas… Ungewöhnliches. Etwas noch nie Dagewesenes, selbst für unsere Art. Die Versammlung, Odessa, sie würden es wissen.“

Die Erwähnung der Versammlung jagte Odessa einen Schauer über den Rücken. Der herrschende Rat dieses Reiches, jede ihrer Entscheidungen absolut, ihre Kontrolle unerbittlich.

„Das ist ungewöhnlich, Odessa“, fuhr Vincent fort, seine Stimme gesenkt. „Es muss geheim gehalten werden. Zwischen uns. Wir können es nicht riskieren, dass es bekannt wird.“

Odessa ließ die Schultern hängen. Die Wahrheit seiner Worte lastete schwer. Eine seltsame Krankheit, besonders eine, die ihren Blutdurst betraf, könnte als Schwäche, Ansteckung oder sogar Mutation angesehen werden. Die Reaktion der Versammlung wäre wahrscheinlich nicht sanft. „Was sollen wir dann tun?“, fragte sie, ihre Stimme von Verzweiflung erfüllt.

Vincent wandte sich vom Fenster ab, sein Ausdruck grimmig, aber entschlossen. „Wir müssen das Reich verlassen. Reise zum Umbra Imperium.“

Odessa hielt den Atem an. Das Umbra Imperium. Ein flüsternder Ort, von dem nur in gedämpften Tönen gesprochen wurde, eine Welt, in der die Sonne niemals den Himmel berührte, wo Vampire in ewiger Dämmerung lebten, unberührt von der Notwendigkeit von Amuletten oder der Angst vor Entdeckung. Eine Welt, die völlig von ihrer eigenen getrennt war, unzugänglich für Menschen, die tagelang umherirren würden, verloren, unfähig, ihren Eingang auch nur wahrzunehmen.

„Das Imperium?“, wiederholte sie.

„Ja“, bestätigte Vincent, trat auf sie zu und nahm ihre Hände in seine. „Wir sind dort nicht bekannt. Wir können Antworten suchen, ohne Angst vor Entdeckung. Ohne die neugierigen Blicke der Versammlung.“

Die Idee, so kühn sie auch war, setzte sich in ihr fest. Das Risiko zu bleiben, dass sich ihr Zustand verschlechterte und entdeckt wurde, fühlte sich weitaus größer an als das Risiko, ins Unbekannte zu wagen. „Okay“, flüsterte sie, ihre Stimme gewann an Stärke. „Okay. Wann brechen wir auf?“

„Sofort“, sagte Vincent, seine Augen auf ihre fixiert. „Wir bereiten uns jetzt vor. Ein paar Kleinigkeiten. Wir werden leicht reisen.“

Sie bewegten sich mit einer fast frenetischen Entschlossenheit, ihre schweigende Übereinkunft schwebte in der Luft, während sie packten und ihr kompliziertes Obsidian-Amulett um ihren Hals sicherten. Es war eine Gewohnheit, die aus der Notwendigkeit geboren war, ein Schild gegen die Sonne, das im Imperium nutzlos sein würde.

Sie verließen ihr bescheidenes Zuhause und ließen seinen vertrauten Komfort hinter sich. Die Stadt um sie herum erwachte langsam, ihre menschlichen Bewohner begannen ihren Tagesablauf, nichtsahnend von den beiden Gestalten, die sich mit übernatürlicher Geschwindigkeit durch die schattigen Gassen bewegten, auf dem Weg zu dem diskreten Portal, das nur ihrer Art bekannt war.

Vincent bewegte sich mit seiner gewohnten schnellen Anmut, ein dunkler Schemen vor dem gedämpften Hintergrund. Doch Odessa hatte Mühe. Jeder Schritt fühlte sich schwerer an als der letzte, ihre Gliedmaßen waren überraschend bleiern. Sie drängte sich, zwang ihre Beine zur Bewegung, aber ihre gewohnte übernatürliche Geschwindigkeit war eine ferne Erinnerung. Ihre Lungen brannten, ein seltsamer, ungewohnter Schmerz.

Vincent bemerkte ihr langsames Tempo. Er verlangsamte, fiel zurück, um neben ihr zu gehen, seine Hand ruhte sanft auf ihrem Rücken. „Geht es dir gut?“, fragte er, seine Stimme von Besorgnis erfüllt.

Odessa nickte, obwohl die Anstrengung sie belastete. „Nur… müde“, brachte sie hervor, ihre Stimme etwas außer Atem. Ihre Haut fühlte sich straffer an, ihre Sicht verschwamm an den Rändern.

Er drängte nicht, passte lediglich sein Tempo an ihres an, seine Präsenz ein stetiger Anker. Gelegentlich bot er seinen Arm an, den sie dankbar annahm, sich an ihm abstützend, während sie das raue Gelände durchquerten.

Schließlich, nach einer gefühlten Ewigkeit, tauchte eine weitläufige, dunkle Silhouette aus dem ewigen Zwielicht auf. Türme aus Obsidian und poliertem Stein durchstießen den Himmel, nicht nach einer Sonne greifend, sondern einfach existierend, monolithisch und uralt. Kein Licht ging von ihnen aus, nur die tiefe, unerbittliche Dunkelheit einer Welt, die niemals den Morgen gekannt hatte.

Sie waren angekommen. Das Umbra Imperium.

Kapitel 2 Die Entdeckung

Das Imperium breitete sich unter einem ewigen Dämmerungshimmel aus, seine Architektur war ein skelettartiges Filigran aus Türmen und Bögen. Im Herzen davon stand die Behausung des Vampirarztes.

Vincents Hand ruhte auf Odessas Rücken, als sie durch die labyrinthartigen Korridore navigierten. Die Luft wurde schwer vom Geruch von altem Pergament, esoterischen Kräutern und einem schwachen, metallischen Geruch, der von altem Blut sprach.

Eine alte Frau saß hinter einem knorrigen Schreibtisch, ihre Augen, wie Obsidian, auf sie gerichtet, als sie eintraten. Dies war die Ärztin.

Sie winkte sie zu zwei kunstvollen, hochlehnigen Stühlen, die ihr gegenüber standen. Vincent setzte sich in seinen Stuhl, seine breite Schulter streifte Odessas, ein stiller Anker. Odessa umklammerte die Armlehnen ihres Stuhls, ihre Knöchel waren weiß.

„Also, meine Liebe“, sagte die Ärztin mit leiser Stimme, „du hast meinen Rat gesucht. Erkläre mir deinen Zustand.“

Odessa holte tief Luft, die Luft wurde plötzlich dick. „Es sind… die Träume. Sie sind konstant geworden, unerbittlich.“ Ihr Blick schweifte ab, verloren im gespenstischen Schein der Lampe. „Immer Blut. Quellen davon, die aus unmöglichen Quellen sprudeln. Und ein Kind. Ein jüngeres Abbild von mir selbst, aber klein, verletzlich. Immer in Gefahr. Immer greifend.“ Ihre Stimme zitterte beim letzten Wort. „Ich wache auf… mit einem Schmerz, den ich nicht erklären kann. Einer ursprünglichen Angst.“

Die Ärztin hörte zu, ihr Ausdruck war unleserlich, ein leichtes Neigen ihres Kopfes war der einzige Hinweis auf ihre Aufmerksamkeit. Sie wartete, bis Odessa fertig war, dann erhob sie sich. Ihre Bewegungen waren fließend, anmutig. Sie streckte eine schlanke Hand zu Odessas Handgelenk aus. „Darf ich?“

Odessa nickte und bot ihren Arm an. Die Finger der Ärztin ruhten leicht auf Odessas Pulspunkt. Ihre Augen schlossen sich für einen Moment, ein leises Summen entwich ihren Lippen, ein Geräusch, zu leise für menschliche Ohren. Dann holte sie ein kleines Obsidianfläschchen von ihrem Schreibtisch, entkorkte es und hielt es ihr entgegen. „Einen einzigen Tropfen, bitte.“

Odessa stach sich leicht in den Finger, ein Blutstropfen perlte an ihrer Fingerspitze hervor. Die Ärztin führte ihre Hand über eine glatte, polierte Schale voller kristallklaren Wassers. Der Tropfen fiel, während er sich in der Flüssigkeit auflöste. Das Wasser blieb klar.

„Schließe deine Augen, Kind“, wies die Ärztin an, ihre Stimme sanft, aber bestimmt. „Konzentriere dich auf das Gefühl in dir. Auf die Träume, den Schmerz. Erlaube deinem Geist, sich zu klären.“

Odessa gehorchte, ihre Augenlider zuckten zu. Vincent sah zu, sein Kiefer angespannt, jede Faser seines Wesens auf seine Gefährtin konzentriert. Die Ärztin tauchte ihre Hände in die Schale, ihre Finger breit gespreizt, dann legte sie ihre nun feuchten Handflächen sanft auf Odessas Bauch.

Ein subtiles Licht schien von den Händen der Ärztin auszugehen, eine schwache Wärme breitete sich in Odessas Körper aus. Die Luft im Raum wurde schwer, aufgeladen mit einer unsichtbaren Energie, während die Ärztin die Augen schloss, ihre Lippen bewegten sich in einer stillen, uralten Beschwörung – dem „Blutberühren“.

Nach einer gefühlten Ewigkeit zog die Ärztin ihre Hände zurück. Sie öffnete die Augen, ihr Blick fiel zuerst auf Odessa, dann auf Vincent, ein neues Licht in ihren Tiefen.

Vincent rührte sich auf seinem Stuhl, unfähig, seine Fassung länger zu bewahren. „Nun?“, fragte er, seine Stimme rau vor Dringlichkeit.

Die Lippen der Ärztin öffneten sich in einer langsamen, bedächtigen Bewegung. „Es ist Leben in dir, Odessa.“ Ihre Stimme hallte wider. „Nicht nur eines. Sondern zwei.“

Odessa riss die Augen auf, weit und ungläubig. Vincent stockte der Atem. Sie starrten, zuerst die Ärztin, dann einander an, ihre Gedanken kämpften darum, die Unmöglichkeit ihrer Worte zu begreifen. Vampire wurden nicht geboren. Sie wurden gemacht. Ein Blutfluch, eine Verwandlung, eine ewige Existenz. Wie konnte Leben in Odessa sprießen?

Die Ärztin nickte und bestätigte ihren unausgesprochenen Schock. „Eines dieser Kinder“, fuhr sie fort, ihr Blick durchdringend, „ist zu unvorstellbarer Größe bestimmt. Eine zentrale Kraft. Deshalb hast du diese Träume gehabt, Odessa. Um dich zu warnen. Ein großer Kampf steht bevor. Du musst sie mit allem, was du hast, beschützen. Alles.“

Die Reise zurück zu ihrem eigenen dunklen Herrenhaus verschwamm zu einem einzigen Bild, die gotische Schönheit des Imperiums nun eine bedrückende Last. Sobald die schwere Eichentür ihres Hauses hinter ihnen ins Schloss fiel, wandte sich Odessa Vincent zu, ihr Gesicht blass, ihre Augen gehetzt.

„Was bedeutet das, mein Lieber? Kinder… in meinem Bauch? Wir sind Vampire. Unsere Art wird nicht geboren. Wir werden… erschaffen. Durch den Blutfluch.“ Ihre Stimme verstummte, die Anomalie war zu groß, um sie zu begreifen.

Vincent wanderte auf und ab, seine Gedanken rasten durch alte Texte, vergessene Überlieferungen, verzweifelt auf der Suche nach einer Antwort, die nicht existierte. „Ich weiß, meine Liebe. Es widerspricht allem, was wir wissen. Allem, was die Versammlung vorschreibt.“ Er blieb stehen, drehte sich zu ihr um, seine Hände ruhten auf ihren Schultern.

„Du bist ein Halbblut, Odessa. Deine Erschaffung war… einzigartig. Kein reines Blut. Was macht das aus diesen Kindern? Hybriden? Etwas völlig Neues? Sie können kein reinrassiges Blut sein, wenn du es nicht bist. Und wenn sie weder reinrassig noch vollkommen menschlich sind… was dann?“

Ein kalter Schrecken sickerte in Odessas Knochen. „Die Versammlung“, flüsterte sie, der Name ein Fluch. „Was passiert, wenn die Versammlung es herausfindet? Sie werden… sie werden sie vernichten, nicht wahr?“

„Sie würden nichts unversucht lassen, um ihnen zu schaden“, vollendete Vincent, seine Stimme grimmig. „Eine Gräueltat. Eine Bedrohung für ihre sorgfältig konstruierte Ordnung. Sie würden sie jagen, sezieren, auslöschen.“ Sein Griff auf ihren Schultern verstärkte sich, ein stilles Versprechen. „Wir werden es nicht zulassen. Wir werden sie beschützen, Odessa. Mit unserem Leben.“

Doch selbst als er die Worte sprach, kroch ein kalter Schrecken in seinen Magen. Plötzlich fühlte sich seine Entschlossenheit zerbrechlich an, unzureichend.

„Das können wir nicht alleine schaffen“, gab er zu, die Worte ein bitteres Geständnis. „Sie sind zu mächtig, zu gewaltig. Wir brauchen Hilfe.“

Odessa blickte zu ihm auf, ihre Augen weit vor verzweifelter Hoffnung. „Hilfe? Von wem? Wer könnte es mit der Versammlung aufnehmen?“

Vincents Blick wandte sich den schattigen Ecken ihrer Ahnenhalle zu. „Es gibt nur einen Weg, meine Liebe. Eine Entität. Eine Macht, älter als unsere eigene Art. Aber ihre Hilfe hat einen Preis. Immer.“

Odessa legte instinktiv eine Hand auf ihren Bauch, ein heftiger, beschützender Instinkt flammte in ihren Augen auf. „Ich bin bereit, ihn zu zahlen, Vincent. Was immer es ist. Ich bin bereit, alles zu tun.“

Kapitel 3 Die Beschwörung

„Wie machen wir das, mein Lieber?“, fragte Odessa besorgt. „Wie beschwören wir es?“

Vincents Kiefer spannte sich an. Er bewegte sich mit geübter Anmut zu einem hohen, geschnitzten Eichenschrank. Seine langen Finger zupften leicht, als er eine Reihe von Schubladen öffnete. Sein Blick schweifte über ordentlich gestapelte Schriftrollen und alte, ledergebundene Texte, bevor er auf einem bestimmten Band verweilte, das versteckt lag. Es war größer als die anderen, sein Ledereinband so dunkel, dass er das gedämpfte Lampenlicht zu absorbieren schien, seine Kanten durch Jahrhunderte des Gebrauchs glatt abgenutzt.

Er trug den schweren Band zum großen Mahagonitisch in der Mitte des Zimmers. Odessa gesellte sich zu ihm, ihre Hand streifte das kühle, alte Leder, als er es flach hinlegte. Gemeinsam begannen sie, die dicken, spröden Seiten umzublättern, jede raschelte leise.

Schließlich erschien eine bestimmte Seite, gekennzeichnet durch ein dünnes, ausgetrocknetes Band. Vincent beugte sich näher, seine Stirn runzelte sich, er fuhr mit einem Finger über die alte Schrift. „Hier ist es“, murmelte er. Er begann laut zu lesen, seine Worte langsam und bedächtig, die Sprache archaisch, aber verständlich. „Das Beschwörungsritual… kann nur unter dem vollen Licht der Luna Suprema durchgeführt werden.“ Seine Augen zuckten auf und trafen Odessas, eine grimmige Erkenntnis ging zwischen ihnen über. „Der nächste Vollmond ist in vierzehn Tagen.“

Ein Seufzer, schwer von Resignation, entwich Odessas Lippen. Vierzehn Tage quälender Ungewissheit. Aber es gab keine Alternative. Sie würden warten.

Die folgenden zwei Wochen zogen sich in die Länge, jeder Tag ein langsamer, bedächtiger Marsch zur bestimmten Nacht. Das Haus wurde für Odessa zu einem Refugium, oder vielleicht einem vergoldeten Käfig. Ihre sonst so lebendige Energie war gedämpft, ihre Bewegungen bedächtiger. Sie wagte sich selten über ihre Schwelle hinaus. Ein subtiler Glanz ging von ihr aus. Es war eine schwache, ätherische Aura, eine sichtbare Manifestation des starken Lebens, das in ihr aufblühte, was sie weniger wie einen Vampir, mehr wie… etwas ganz anderes erscheinen ließ.

Vincent übernahm die Last ihrer äußeren Bedürfnisse, insbesondere ihres dramatisch veränderten Blutdurstes. Ihre sonst so raffinierten Vorlieben waren wild, ursprünglich geworden. Sie sehnte sich nicht nur nach der Lebensessenz, sondern nach der Vitalität der frischesten, potentesten Quellen. Er kehrte jede Nacht erschöpft zurück, seine Kleidung manchmal den subtilen Geruch der Jagd tragend, seine Augen vom Stress schattiert, doch immer genug dabei, um ihren unersättlichen Hunger zu stillen. Er beobachtete sie beim Verzehr, die schnelle, fast verzweifelte Aufnahme, wie ihre Adern unter ihrer durchscheinenden Haut pochten, und ein Schauer aus Ehrfurcht und Angst lief ihm über den Rücken. Sie sammelten sorgfältig die Bestandteile für das Ritual: alte Kräuter, seltene Kristalle, speziell geweihte Öle, jedes Objekt mit Präzision ausgewählt, jede Platzierung mit einem stillen Gebet erfüllt.

Die vierzehnte Nacht brach an, gehüllt in die stille Majestät eines Vollmondes. Sein silbriges Licht, das durch die Spalten ihrer sorgfältig zugezogenen Vorhänge drang, tauchte den Raum in einen ätherischen Glanz und beleuchtete den präzisen Kreis, den sie auf den Boden gezeichnet hatten. Kerzen, aus Bienenwachs gefertigt und mit wirksamen Kräutern durchwoben, flackerten an jedem Kardinalpunkt. Der Duft von Weihrauch und anderen, dunkleren Harzen hing schwer in der Luft.

Odessa und Vincent standen im Kreis, ihre Hände verschränkt, ihre Augen auf das mondbeschienene Fenster gerichtet. Als der Himmelskörper seinen Zenit erreichte, eine perfekte, leuchtende Scheibe am samtenen Himmel, begann Vincent die Rezitation. Odessa schloss sich ihm an, ihre Stimme ein Kontrapunkt, eine sanftere, ebenso wirkungsvolle Beschwörung. Die Luft knisterte, das Kerzenlicht pulsierte, und ein leichter, kalter Wind, trotz der versiegelten Fenster, fegte durch den Raum und verursachte Gänsehaut auf ihren Armen.

Dann verdichtete sich die Luft direkt vor ihnen, schimmerte und zerriss. Aus der wirbelnden Dunkelheit trat Xandros.

Seine Präsenz war überwältigend fremdartig. Groß und schlank, war er in Schatten gehüllt, die an ihm zu haften schienen. Seine Augen, die Farbe von Obsidian, besaßen ein uraltes, erschreckendes Wissen. Es gab keine Wärme, keine Bosheit, nur eine immense, unergründliche Kraft.

Er musterte sie, sein Blick verweilte auf Odessas geschwollener Gestalt, bevor seine tiefe Stimme durch den Raum hallte. „Ihr habt mich gerufen.“ Es war eine Feststellung, keine Frage. „Zum Schutz eurer Kinder.“

Odessa, ihre Stimme ein Flüstern, bestätigte: „Ja, Lord Xandros.“

Ein leichtes Neigen von Xandros' Kopf. „Ich habe eure Bitte gehört. Aber ihr sucht die Hilfe von Xandros nicht mit leeren Händen.“ Sein Blick wanderte zurück zu Odessas Bauch. „Eines der Kinder… ist kein gewöhnliches Kind. Es muss um jeden Preis beschützt werden.“ Seine Augen, dunkel wie die Leere, fixierten die ihren. „Das Leben des anderen Kindes… ist der Preis.“

Die Worte hingen in der Luft, kalt und absolut, jede Silbe ein Hammerschlag auf ihre Herzen. Odessa keuchte, ein stilles, ersticktes Geräusch.

Xandros fuhr fort, unbeeindruckt von ihrer sichtbaren Qual. „Ich werde das besondere Kind beschützen, solange es nicht geboren ist. Sobald es geboren ist, müsst ihr seine Kräfte bis zur bestimmten Zeit verborgen halten, weggeschlossen. Sollten seine Fähigkeiten vorzeitig von gegnerischen Kräften entdeckt werden, wird es schnell vernichtet.“ Er hielt inne, um der Schwere seiner Worte Raum zu geben. „Nachdem seine Kräfte verschlossen sind, werde ich, Xandros, das Kind beschützen, solange es lebt. Dem Kind unter dem Schutz von Lord Xandros könnte niemals Schaden widerfahren.“

Sobald das letzte erschütternde Wort seine Lippen verlassen hatte, vertieften sich die Schatten um ihn herum, verdichteten sich und zerfielen dann zu nichts.

Odessa starrte ins Leere, ihr Verstand taumelte, unfähig, die entsetzliche Verkündung zu verarbeiten. Die Welt kippte unter ihren Füßen, und sie stolperte, eine Welle der Übelkeit überkam sie. Vincent, schnell wie ein Flüstern, fing sie auf, seine Arme schlangen sich um sie, bevor er sie sanft zum großen Bett führte. Er setzte sich neben sie und zog sie eng an sich.

Sie umklammerte seine Hand, ihre Finger gruben sich in seine, ihre Augen weit vor panischen, unvergossenen Tränen. „Was meinte er, mein Lieber?“, würgte sie hervor, ihre Stimme rau. „Das Leben des anderen Kindes… das Opfer?“

Vincent hielt sie fester, zog ihren Kopf an seine Schulter. Er schluckte schwer, sein eigenes Gesicht eine Maske tiefster Trauer. „Es ist… es ist, wie wir es gehört haben, meine Liebe.“ Seine Stimme war ein schmerzhaftes Flüstern an ihrem Haar. Er schlang die Arme um sie, eine verzweifelte Umarmung.

Sofort durchzuckte ein stechender Schmerz Odessas Unterleib. Ihr Atem stockte. Eine dunkle, zähflüssige Wärme breitete sich zwischen ihren Beinen aus, ein plötzlicher, wahrhaft blutroter Schwall. Nicht das helle, lebendige Rot menschlichen Blutes, sondern die tiefe, fast schwarze Farbe ihres Vampir-Blutes. Sie blickte nach unten, dann zu Vincent auf, ihre Augen voller stillen, herzzerreißenden Verständnisses. Ein gutturaler Schluchzer entwich ihrer Kehle, ein Laut tiefen Verlustes und tiefer Verzweiflung, der in der ehrwürdigen Stille des Raumes widerhallte. Vincent hielt sie, ließ sie weinen, seine eigenen Augen fest geschlossen, die stille, schreckliche Wahrheit zwischen ihnen schwebend: Das geopferte Kind war fort.

Ein scharfes, eindringliches Klopfen hallte plötzlich durch das Haus und zerbrach die zerbrechliche Blase ihrer Trauer.

Vincents Kopf schnappte hoch, sein Kiefer spannte sich an. Er löste sich von Odessa, seine Bewegungen steif vor unterdrückter Qual. „Bleib hier“, murmelte er, seine Stimme angespannt. „Mach dich sauber.“

Odessa, immer noch zitternd, nickte benommen, ihr Blick auf den dunkler werdenden Fleck auf ihrem Nachthemd gerichtet. Sie drückte eine Hand auf ihren schmerzenden Bauch, eine verschwundene Phantompräsenz. Vincent bewegte sich bereits auf die Haupttür zu, seine Vampirsinn hatte den Anrufer bereits identifiziert. Der Bote der Versammlung. Jetzt? Ausgerechnet jetzt.

Vorschau abgeschlossen?

Lesen Sie die offizielle Store-Ausgabe mit sofortiger EPUB-/PDF-Lieferung weiter. Verwenden Sie die Schaltfläche unten, um die entsprechende Produktseite für dieses Buch zu öffnen.