Vom Wolf beansprucht
Synopsis von Vom Wolf beansprucht In der nebelverhangenen Stadt Raven's Peak hat die 22-jährige Lyra Flynn sich schon immer anders gefühlt. Geplagt von seltsamen Träumen und einem ruhelosen Drang ins Unbekannte, hat sie ihr Leben lang nach Antworten gesucht – bis sie Kaidën trifft...
Kapitel 1 Erwachen im Mondlicht
Die Stadt Raven's Peak schlief unter einem Schleier aus Nebel, der Mond warf fahles Silberlicht auf den dichten Wald, der ihre Ränder umarmte. Der Wind flüsterte durch die Kiefern und trug Geheimnisse, die nur die Nacht verstehen konnte.
Lyra Flynn zog ihren Mantel enger um sich, als sie von der Buchhandlung, in der sie halbtags arbeitete, nach Hause ging. Die kühle Herbstluft trug den Duft feuchter Erde und fernen Regens, vermischt mit dem schwachen Aroma von altem Papier, das noch an ihren Fingern haftete. Sie hatte den Abend damit verbracht, staubige Regale neu zu ordnen, ihr Geist halb verloren in den fiktiven Welten, die sie liebte.
Doch jetzt fühlte sich die reale Welt... seltsam an.
Die Straßen waren ungewöhnlich still. Raven's Peak war nie eine belebte Stadt, aber heute Nacht herrschte eine Stille, die ihr einen Schauer über den Rücken jagte. Die flackernden Straßenlaternen warfen lange Schatten, die die vertraute Umgebung in etwas Unerkennbares verwandelten.
Ein Gefühl überkam sie.
Ein kribbelndes Bewusstsein.
Als ob unsichtbare Augen auf ihren Rücken drückten.
Sie schluckte und zwang sich, weiterzugehen, aber ihre Finger ballten sich in ihren Manteltaschen zu Fäusten. Das Gefühl verschwand nicht. Es wurde stärker, ein langsamer, erstickender Druck, der sich um ihre Rippen legte.
Sie blickte über ihre Schulter. Nichts als leerer Gehweg.
Beruhige dich, Lyra. Du bildest dir das nur ein.
Aber das Gefühl ließ nicht nach. Wenn überhaupt, verstärkte es sich. Die Bäume am Straßenrand schienen dunkler als sonst, ihre knorrigen Äste streckten sich wie skelettartige Finger nach ihr aus. Der Wind nahm zu und trug ein fernes Geräusch mit sich – so leise, dass sie es fast überhört hätte.
Ein Knurren.
Tief. Dumpf.
Nicht menschlich.
Lyra erstarrte mitten im Schritt, ihr Atem stockte.
Sie drehte sich langsam um, ihr Herz pochte.
Das Geräusch kam aus dem Wald. Gleich hinter der Straße, jenseits des alten schmiedeeisernen Zauns, der Raven's Peak von dem weiten Wald dahinter trennte. Sie kniff die Augen zusammen und suchte in den Schatten zwischen den Bäumen.
Dann sah sie sie.
Zwei goldene Augen.
Sie leuchteten in der Dunkelheit, strahlend und unblinzelnd. Sie beobachteten sie.
Ihr Magen zog sich zusammen.
Die Gestalt trat vor, das Mondlicht erfasste ihre Form. Ein Wolf. Aber nicht wie jeder Wolf, den sie je gesehen hatte. Er war massiv – seine Schultern reichten fast bis zu ihrer Taille, sein Fell war glatt und dunkel wie die Nacht selbst. Muskeln wogten unter seinem Fell, als er sich mit beunruhigender Anmut bewegte, sein Blick auf ihren gerichtet.
Die Zeit schien sich zu verlangsamen.
Eine Welle von etwas Seltsamem überrollte sie. Wiedererkennung.
Was keinen Sinn ergab.
Sie hatte dieses Geschöpf noch nie zuvor gesehen.
Oder doch?
Ihr Puls hämmerte in ihren Ohren. Sie sollte rennen. Schreien. Irgendetwas tun. Aber sie stand wie gelähmt da, gefangen in der Tiefe dieser goldenen Augen.
Dann—
"Lyra."
Die Stimme wurde nicht laut ausgesprochen. Sie glitt durch ihren Geist, reich und tief, und umhüllte sie wie Rauch.
Ihr Blick schwankte. Die Welt neigte sich.
Das Letzte, was sie sah, war, wie der Wolf näherkam, bevor die Dunkelheit sie ganz verschluckte.
—
Sie erwachte zum Geruch von feuchter Erde und Kiefern.
Kühles Gras drückte sich an ihre Wange. Ein dumpfer Schmerz pochte am Hinterkopf, und als sie sich bewegte, durchzuckte ein stechender Schmerz ihre Gliedmaßen, als wäre sie dorthin geworfen worden.
Ihre Finger krallten sich in den Dreck.
Wo war sie?
Sie zwang ihre schweren Augenlider auf.
Der Wald ragte um sie herum auf, die Bäume dick und uralt, ihre verdrehten Wurzeln breiteten sich wie Adern über die Erde aus. Ein sanfter Nebel hing am Unterholz und wirbelte im schwachen Mondlicht. Es war still – zu still. Sogar der Wind hatte sich gelegt.
Panik durchfuhr ihre Brust.
Sie war auf dem Heimweg gewesen. Dann... die Augen. Die Stimme.
Der Wolf.
Ein Rascheln im Unterholz lenkte ihre Aufmerksamkeit nach rechts.
Sie war nicht allein.
Ihr Körper versteifte sich, als eine Gestalt aus den Schatten trat.
Groß. Breitschultrig. Mit einer unnatürlichen Flüssigkeit bewegte er sich, als wäre er mehr Schatten als Mann.
Das Mondlicht traf sein Gesicht – scharfe Wangenknochen, ein starkes Kinn, dunkles Haar, das aussah, als wäre es vom Wind zerzaust. Seine Lippen waren leicht geöffnet, als hätte er gerade ihren Namen ausgeatmet.
Aber seine Augen.
Golden.
Wie der Wolf.
"Du bist wach", murmelte er, seine Stimme leise und mit etwas Unlesbarem untermauert.
Ein Schauer lief ihr den Rücken hinunter.
Sie krabbelte rückwärts, ihre Hände sanken in die feuchte Erde. "Wer sind Sie?"
Lange Zeit antwortete er nicht. Er beobachtete sie nur. Dann—
"Kaidën Darkhaven."
Der Name umhüllte sie und sank in ihre Knochen wie eine alte Erinnerung, die darauf wartete, erinnert zu werden.
Ihr Atem ging schnell. "Was ist mit mir passiert?"
Kaidën atmete aus und fuhr sich mit der Hand durch sein dunkles Haar. "Du würdest mir nicht glauben, wenn ich es dir erzählen würde."
Lyra knirschte mit den Zähnen. "Versuch's mal."
Eine weitere Pause. Er musterte sie, als ob er etwas in ihrem Gesicht suchte.
"Du veränderst dich", sagte er schließlich.
Ein Schauer legte sich um ihre Rippen. "Was zum Teufel soll das heißen?"
Kaidëns Kiefer spannte sich an. "Es bedeutet, dass du hier nicht bleiben kannst. Sie werden dich holen."
Bevor sie eine Erklärung verlangen konnte, zerriss ein Heulen die Stille.
Es war fern – aber nicht fern genug.
Lyras Blut gefror in den Adern.
Kaidën fluchte leise und bewegte sich schnell – zu schnell – packte sie am Arm und zog sie auf die Beine.
"Kannst du stehen?", fragte er.
Sie nickte zitternd, doch ihre Knie knickten fast ein. Seine Hände fingen sie auf und stützten sie mit unnatürlicher Wärme.
"Du musst mit mir kommen", sagte er.
Lyra zögerte. Ihre ganze Welt war gerade auf den Kopf gestellt worden. Und nun verlangte dieser Fremde – dieser unmöglich vertraute Fremde –, dass sie ihm ins Unbekannte folgte.
Aber die Nacht flüsterte. Die goldenen Augen brannten.
Und etwas in ihr wusste es bereits.
Das war erst der Anfang.
Kapitel 2 Der Fremde in den Schatten
Die Nachtluft war erfüllt von Anspannung, als Lyra hinter Kaidën stolperte, ihr Geist benommen von der letzten Stunde. Ihr Atem kam in kurzen, keuchenden Zügen, ihr Herz hämmerte gegen ihre Rippen. Das unheimliche Heulen aus dem Wald hallte immer noch in ihren Ohren nach, verblasste in der Ferne, aber sie konnte das Gefühl nicht abschütteln, dass etwas – oder jemand – sie immer noch beobachtete.
„Wohin gehen wir?“, fragte sie, bemüht, ihre Stimme ruhig zu halten.
„An einen sicheren Ort“, erwiderte Kaidën, ohne sich umzublicken. Seine Stimme war ruhig, aber da war eine Schärfe darin – wie eine Klinge, die unter Seide verborgen war. Er bewegte sich mühelos, schlängelte sich durch das dichte Unterholz, als ob der Wald eine Erweiterung seiner selbst wäre.
Lyra hingegen hatte Mühe, Schritt zu halten. Sie war bereits zweimal über eine hervorstehende Wurzel gestolpert, ihre Stiefel sanken in die feuchte Erde. „Sicher?“, spottete sie, außer Atem. „Du hast mich mitten in der Nacht aus der Stadt in den Wald gezerrt, und jetzt fliehen wir vor… was genau?“
Kaidën antwortete nicht.
Lyra knirschte mit den Zähnen, ihre Frustration wuchs. „Sag mir wenigstens, wer du bist! Und sag nicht deinen Namen, als ob das irgendetwas erklären würde – denn das tut es nicht.“
Er blieb endlich stehen und drehte sich zu ihr um.
Das Mondlicht zeichnete scharfe Schatten in sein Gesicht und ließ seine ohnehin schon markanten Züge fast außerirdisch wirken. Sein dunkles Haar war leicht zerzaust, seine goldenen Augen waren unlesbar.
„Du hast keine Wahl, Lyra“, sagte er, seine Stimme jetzt sanfter, aber nicht weniger eindringlich. „Du musst mit mir kommen. Sie kommen.“
Ihr Magen verkrampfte sich.
„Wer?“, flüsterte sie.
Kaidën atmete aus und rieb sich mit der Hand über den Kiefer, als ob er seine Worte abwägte. „Nicht jeder in Raven’s Peak ist, was er scheint“, sagte er schließlich. „Und du auch nicht.“
Ein Schauer legte sich um ihre Rippen.
„Das sagst du immer wieder“, erwiderte sie scharf. „Aber das bedeutet nichts. Du klingst, als würdest du aus einem schlechten Horror-Drehbuch vorlesen.“
Etwas flackerte in Kaidëns Gesichtsausdruck auf – Frustration, vielleicht sogar Amüsement – aber es war verschwunden, bevor sie sicher sein konnte.
„Du spürst es noch nicht, oder?“, fragte er.
Lyra runzelte die Stirn. „Was spüren?“
Kaidën trat näher, seine Präsenz unnatürlich stetig, als ob der Wind selbst sich um ihn bog.
„Den Sog. Den Hunger. Die Veränderung.“
Ihr Puls sprang. „Ich—"
Sie hielt inne.
Denn die Wahrheit war, sie hatte etwas gespürt.
Eine seltsame Energie, die unter ihrer Haut wirbelte. Ein ruheloser Juckreiz in ihren Adern, als ob etwas in ihr erwachen wollte.
Es hatte vor kurzem begonnen – zuerst waren es kleine Dinge. Eine erhöhte Geräuschempfindlichkeit, ein schärferer Geruchssinn, das Gefühl, dass ihr Körper nicht mehr ganz ihr gehörte. Aber sie hatte es als Stress, Erschöpfung, vielleicht sogar Paranoia abgetan.
Jetzt, wo sie hier in der Dunkelheit stand und Kaidën sie ansah, als ob er es bereits wüsste, fühlte sie sich bloßgestellt.
„Du bist verrückt“, flüsterte sie und trat einen Schritt zurück.
Kaidën neigte den Kopf, seine Lippen kräuselten sich leicht – nicht ganz ein Lächeln, nicht ganz ein Grinsen.
„Bin ich?“
Bevor sie antworten konnte, zerriss ein weiteres Heulen die Stille.
Dieses war näher.
Zu nah.
Eine urzeitliche Angst durchfuhr Lyras Wirbelsäule und setzte ihre Nerven in Brand.
Kaidëns Gesichtsausdruck verhärtete sich. „Wir müssen gehen. Jetzt.“
—
Sie bewegten sich schnell durch den Wald, Kaidën führte den Weg an.
Lyras Lungen brannten, als sie rannte, Äste kratzten an ihren Kleidern, feuchte Erde rutschte unter ihren Stiefeln weg. Jeder Instinkt schrie ihr zu, dass, was auch immer da draußen war – was auch immer sie jagte – näherkam.
Der Wald fiel abwärts, und plötzlich tauchte eine Struktur aus den Schatten auf.
Eine Hütte.
Sie war alt, abgenutzt, die Holzwände von Zeit und Natur verwittert. Die Fenster waren dunkel, und die Tür hing leicht offen, aber sie stand solide in der Nacht.
Kaidën erreichte sie zuerst. Er stieß die Tür ohne Zögern auf. „Rein.“
Lyra zögerte und blickte zurück zu den Bäumen. Die Schatten schienen sich unnatürlich zu bewegen, sich zu dehnen und zu verdrehen.
Dann grollte ein tiefes, kehliges Knurren durch die Dunkelheit.
Lyra dachte nicht nach – sie rannte hinein.
Kaidën folgte ihr, schloss die Tür hinter sich und verriegelte sie.
Drinnen war die Hütte karg. Ein steinerner Kamin stand kalt in der Ecke, sein Herd war mit alter Asche bedeckt. Ein abgenutztes Sofa und ein Holztisch mit ungleichen Stühlen nahmen die Mitte des Raumes ein. Bücher, Kerzen und kleine Schmuckstücke säumten die Regale, aber Lyra hatte keine Zeit, sie wahrzunehmen.
Kaidën drehte sich zu ihr um, seine goldenen Augen leuchteten leicht im schummrigen Licht.
"Du bist hier nicht lange sicher", sagte er.
Lyra verschränkte die Arme und versuchte immer noch, zu Atem zu kommen. "Warum hast du mich dann hierher gebracht?"
„Weil du die Wahrheit hören musstest, bevor es zu spät ist.“
Sie stieß ein hartes Lachen aus. „Wahrheit?“ Sie gestikulierte wild. „Die Wahrheit ist, ich bin im Wald aufgewacht, nachdem ich ohnmächtig geworden war, habe einen riesigen Wolf gesehen, der mich beobachtet hat, und jetzt schleppst du mich durch den Wald, als wären wir in einem übernatürlichen Horrorfilm!“
Kaidën schwieg einen langen Moment lang. Dann, endlich—
"Du bist nicht ganz menschlich, Lyra."
Die Worte trafen sie härter als erwartet.
Sie blinzelte. „Entschuldigung?“
„Du veränderst dich“, sagte Kaidën und trat näher. „Dein Körper, deine Instinkte. Du hast es gefühlt, nicht wahr?“
Lyras Kehle schnürte sich zu. „Das ist nicht – nein. Das ist verrückt.“
Kaidën atmete langsam aus. „Du glaubst, dein Ohnmachtsanfall heute Nacht war zufällig?“ Seine Stimme war jetzt leiser, aber nicht weniger eindringlich. „Das war er nicht. Es war der Anfang.“
Lyras Magen verkrampfte sich.
„Der Anfang wovon?“, fragte sie, obwohl sie bereits wusste, dass ihr die Antwort nicht gefallen würde.
Kaidën hielt ihren Blick. „Deines Erwachens.“
Eine Kälte breitete sich tief in ihren Knochen aus.
„Das passiert nicht“, flüsterte sie.
Doch die Art, wie ihre Haut kribbelte, die Art, wie der Wind zu ihr zu sprechen schien – sie wusste es.
Es geschah bereits.
Und es gab kein Zurück mehr.
Kapitel 3 Geflüster im Dunkeln
Die Hütte war still, abgesehen vom unregelmäßigen Atem Lyras. Die Last von Kaidëns Worten drückte auf ihre Brust wie ein eiserner Käfig.
„Du bist nicht ganz menschlich.“
Es war lächerlich. Wahnsinnig.
Und doch…
Die Dinge, die sie gespürt hatte – das unnatürliche Bewusstsein, die plötzliche Energie, die unter ihrer Haut pulsierte, die Art, wie ihre Sinne in den letzten Wochen geschärft worden waren – nichts davon konnte mehr ignoriert werden.
Sie schüttelte den Kopf und entfernte sich von Kaidën. „Ich glaube dir nicht.“
Kaidën lehnte an der Wand, die Arme verschränkt, und beobachtete sie mit diesem durchdringenden, goldenen Blick. „Du willst glauben, dass ich lüge“, sagte er, seine Stimme leise, beherrscht. „Aber sag mir, Lyra, wie erklärst du dir die Dinge, die mit dir passieren?“
„Ich—“ Sie stockte. „Stress, okay? Vielleicht bin ich nur – vielleicht habe ich zu hart gearbeitet, oder—“
„Oder vielleicht“, unterbrach er sie, „wachst du zur Wahrheit auf.“
Sie atmete zittrig aus und umarmte sich. „Ich weiß nicht einmal, was das bedeutet.“
Kaidën atmete langsam aus, als ob er diese Reaktion erwartet hätte. „Es bedeutet, dass das Leben, das du gekannt hast, nicht real ist. Du warst niemals dazu bestimmt, normal zu sein, Lyra. Du wurdest mit einem Erbe in dir geboren, tief vergraben, das auf den richtigen Moment wartete, um aufzutauchen. Und heute Nacht –“ seine Stimme verdunkelte sich, „– ist es aufgetaucht.“
Lyras Hände ballten sich zu Fäusten. „Hör auf zu reden, als wäre ich eine Auserwählte in einer Prophezeiung.“
„Wer hat etwas davon gesagt, auserwählt zu sein?“ Kaidëns Ausdruck war unleserlich. „Das ist kein Geschenk, Lyra. Es ist ein Fluch.“
Ein Schauer lief ihr den Rücken hinunter.
Ein fernes Heulen erhob sich in der Nacht, diesmal näher. Das Geräusch war nicht menschlich, doch etwas daran jagte ihr einen Schauer der Vertrautheit über den Rücken.
Ihr Herz zog sich zusammen.
"Was ist da draußen?", fragte sie, ihre Stimme kaum über einem Flüstern.
Kaidëns Blick wich nicht ab. „Jäger.“
Lyra runzelte die Stirn. „Jäger? Wie… Menschen, die Wölfe jagen?“
Er stieß ein humorloses Lachen aus. „Nicht Wölfe, Lyra. Uns.“
Die Welt neigte sich.
„Das macht keinen Sinn“, murmelte sie. „Ich bin nicht – ich meine, ich kann nicht –“
„Du veränderst dich“, sagte Kaidën erneut und stieß sich von der Wand ab. Er trat auf sie zu, langsam und bewusst. „Dein Körper weiß es, auch wenn dein Verstand sich weigert, es zu akzeptieren. Sag mir die Wahrheit – als du heute Nacht im Wald aufgewacht bist, hat es sich falsch angefühlt? Oder hat es sich… natürlich angefühlt?“
Lyra öffnete den Mund, um zu widersprechen – natürlich hatte es sich falsch angefühlt, sie war mitten im Wald allein aufgewacht –, aber dann zögerte sie.
Denn für einen flüchtigen Moment, bevor die Angst sich vollständig eingestellt hatte…
Der Mond hatte heller geschienen.
Die Luft hatte anders geschmeckt.
Und ihr Körper hatte sich –
"Nein." Sie schüttelte den Kopf und trat zurück. "Nein, ich bin nicht – das ist nicht real."
Kaidën seufzte. „Verleugnung wird das, was geschieht, nicht ändern.“
Etwas in ihr zersprang. „Du hast mir nicht zu sagen, was mit mir passiert!“, rief sie, ihre Stimme zitterte. „Du tauchst aus dem Nichts auf, schleppst mich in den Wald und wirfst mir Rätsel an den Kopf, als sollte ich das alles einfach akzeptieren! Ich weiß nicht einmal, wer du bist!“
Stille hing zwischen ihnen.
Dann, endlich, sprach Kaidën.
„Mein Name ist Kaidën Darkhaven. Ich wurde in den Bloodmoon-Rudel geboren, und seit drei Jahren suche ich nach dir.“
Lyras Puls stockte.
"Mich?"
Kaidën nickte. „Dich.“
Sie stieß ein schwaches, keuchendes Lachen aus. „Das macht keinen Sinn.“
„Du bist nicht irgendein Wandler, Lyra“, fuhr er fort. „Du bist mit etwas Altem verbunden. Etwas Gefährlichem.“
Sie starrte ihn an, ihre Haut kribbelte. „Woher weißt du das?“
Kaidën zögerte. Dann, schließlich—
"Weil ich dich in einer Vision gesehen habe."
Ein Schauer lief ihr den Rücken hinunter.
"Du erwartest, dass ich das glaube?"
„Das musst du nicht“, sagte Kaidën. „Aber es ändert nichts an der Wahrheit.“
Lyra versuchte noch, es zu verarbeiten, als ein tiefes, unmenschliches Knurren außerhalb der Hütte grollte.
Ihr Atem stockte.
Das war kein normales Tier.
Kaidëns Körper spannte sich an.
„Sie sind da“, murmelte er.
Etwas knallte gegen die Hüttentür.
Lyra zuckte zusammen.
Ein zweiter Schlag, diesmal härter.
Holz knackte.
Kaidën packte ihr Handgelenk. „Lauf.“
Er riss die Hintertür auf und zog sie in die Nacht. In dem Moment, als sie hinaustrat, schlug ihr kalte Luft entgegen, aber das war nicht das Schlimmste –
Der Wald war nicht leer.
Figuren bewegten sich in den Schatten – groß, schlank, ihre Augen leuchteten.
Nicht menschlich.
Zumindest nicht ganz.
Ein Knurren zerriss die Luft, als eine der Gestalten zusprang.
Kaidën schob Lyra hinter sich. In einem Wimpernschlag bewegte er sich – schneller, als es möglich sein sollte.
Seine Form verdrehte sich, dunkle Energie wirbelte durch die Luft—
Und dann war er verschwunden.
Nein.
Nicht verschwunden.
Wo Kaidën Momente zuvor gestanden hatte, hockte nun ein massiver Wolf, dessen Fell so schwarz wie die Nacht war, goldene Augen brannten wie Feuer.
Lyras Herz setzte aus.
Sie hatte kaum Zeit zu reagieren, bevor eine andere Kreatur auf sie zusprang.
Ihre Instinkte setzten ein.
Sie duckte sich.
Der Angreifer segelte über ihren Kopf und landete in einer Hocke.
Ein weiteres Paar leuchtender Augen fixierte sie.
Adrenalin rauschte durch Lyras Adern.
Sie musste rennen.
Aber etwas in ihr – etwas Tiefes – weigerte sich.
Ihr Atem kam in scharfen Stößen. Ihr Puls hämmerte.
Und dann—
Schmerz.
Ein stechendes, brennendes Gefühl durchfuhr ihre Brust, ihre Arme, ihre Beine.
Es kam nicht von den Angreifern.
Es kam von innen.
Ihr Blick verschwamm, ihre Muskeln spannten sich an, ihre Haut dehnte sich –
Ihr Körper veränderte sich.
Ein Schrei baute sich in ihrer Kehle auf, doch er entwich nie.
Denn im nächsten Herzschlag –
Lyra Flynn war nicht länger menschlich.
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